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Zu meiner Zeit - In my Time

Zu meiner Zeit

Wer kennt das nicht? Sonntagmittag, Familie sitz am Tisch, der Braten dampft aus dem Topf, jeder tut sich auf und nach den ersten Bissen entstehen langsam die Gespräche über die vergangene Woche. Es wird erzählt, wenn es etwas zu erzählen gibt oder einfach nur zugehört. Der doofe Lehrer, der Weg zur Arbeit, ach und der Garten hat letzte Woche sehr viel Aufmerksamkeit gefordert. Am Tisch sitzen halbwüchsige Teenies, teils genervt nur von deinem Anblick teils herausfordernd mit einer provokanten Idee. Frau/man selbst bemüht sich die althergebrachten Erziehungsmuster, die einen selbst in den Wahnsinn trieben, aus den Tiefen des Hinterhirns zu verbannen und doch (und doch steht der Braten Sonntagmittag auf dem Tisch- !)! Und doch höre ich mich selbst sagen: "Zu meiner Zeit...". Ja, was zu meiner Zeit? Ich will doch aufgeschlossen sein, meinen Töchtern zuhören, sie verstehen und doch sage ich diesen Satz? Zu meiner Zeit? Worum geht´s bei dem sonntagmittäglichem Gespräch eigentlich? Es geht um Piercing und Tätowieren. Und vollkommen klar: Hier sind die Eltern sich einig. Ein klares Nein. Wenn du volljährig bist, dann kannst du... Zu meiner Zeit, da hätte man.... Ja, was hätte man? 

"Zu meiner Zeit" sind die 80er und 90er Jahre als junge Erwachsene in Berlin (West) gemeint. Inzwischen finde ich diese Form des Denkens  sehr merkwürdig. Als wäre der Mensch allein nur in der Zeit zwischen seinem 16. und 30igsten Lebensjahr lebendig und danach ist nur noch das Ableben der Zeit bis zum Sarg? Nein, meine Zeit ist immer im Jetzt. Jetzt ist "meine Zeit". Wann denn sonst? Ich gehöre mitnichten zu den Vergangenheitsverklärern, die sich an ihre wunderbare Jugendzeit erinnern. Ich genieße jedes Jahrzehnt meines Lebens und nun bin ich im 6. Lebensjahrzehnt.  Und dennoch sage ich "zu meiner Zeit".

Aber wo waren wir? Ja, bei der Konfrontation der nachfolgenden Generation mit unerhörten Bitten. Sie wollen sich piercen und tätowieren lassen.  Ich wollte doch aufgeschlossen sein, modern sein und mit der Welt meiner Töchter mitgehen und genau hier begegnen sich zwei Welten meines Ichs und hadern miteinander. Meine Tochter kann unmöglich gepierct und tätowiert durch den Ort laufen, die andere Seite sagt: Wie cool. Sie traut sich, eine solche Frage am Sonntagmittag auf den Tisch zu bringen und  fordert uns heraus. Wir diskutieren und während dessen stehe ich neben mir und beobachte mich selbst. Ich bin irritiert. Denn es geht um´s Tätowieren. Zurückgreifend auf "zu meiner Zeit" waren Tattoos anrüchig. Menschen, die tätowiert waren, gehörten eindeutig nicht zu unserer bürgerlichen und gebildeten Schicht. Und nun bin ich irritiert, denn meine Töchter konfrontieren mich mit einem Vorhaben, auf das ich nie gekommen wäre. Ja, sie sind ja auch eine Generation weiter. Und, wie heißt es so schön: Die Dinge ändern sich eben. Aber Tattoos? Das haben doch die Männer von der Müllabfuhr. Oder die gerade entlassenen Knastis. D i e s e Menschen haben Tattoos. Mit Anker und Totenkopf.  Also nein, ich kann aus meiner Haut nicht raus und hier gibt es ein klares NEIN. Nein, also doch kein Ankertattoo auf der Schulter und auf der anderen Seite vielleicht so einen ultrafurchterregenden Todeskopf? Auf der unschuldigen Haut meiner Tochter? Oh, Himmel!! Neinneinnein.

Das Gespräch wird vertagt, freundlich formuliert, es wird abrupt abgebrochen, heftige Zornesausbrüche folgen und Beschimpfungen über unsere altbackene und völlig unverständliche Art. Widerlich seien wir. 

Nun ist unsere Familie etwas anders als die normale bürgerliche Durchschnittsfamilie. Wir sind eben anders und bei uns sind die Dinge anders verlaufen. So waren meine Töchter sehr früh in ihrer Pubertät auf sich selbst gestellt und hatten früh lernen müssen, Entscheidungen für sich selbst treffen. Und das taten sie dann natürlich auch.

Nach den ersten Diskussionen über Tattoos (die ich als erfolgreich überstanden ansah) kam die Diskussion über ein Zungenpiercing auf. Oh, nein, auf gar keinen Fall. Aber gewitzt, wie meine ältere Tochter es ist, bat sie mich mit ihren 16 Jahren um die Erlaubnis, sich ein Zungenpiercing stechen zu lassen. Klare Antwort von mir: Nein, wenn du 18 Jahre alt bist, dann... Eine Weile später sehe ich mein Kind mit der Zunge im Mund herumspielend. Und sehe: Sie hat ein Zungenpiercing! NEIN. Hatte ich nicht "nein" gesagt? Ja, du schon, Mama, aber Papa hat es mir erlaubt. Was? Ich rufe ihren Vater sofort an und folgende Geschichte ergab sich: Sie bat ihren Vater um Erlaubnis für das Zungenpiercing, woraufhin er fragte, ob sie denn mit mir gesprochen hätte. Wahrheitsgemäß antwortet sie und sagt ja, sie hätte mit mir gesprochen. Das deutet er als ein mütterliches JA und erteilt ihr die Erlaubnis... 

So vergehen nun die Jahre und mit den Jahren gelingt es meinen Töchtern ein Tabu nach dem anderen in mir "zu brechen". Ich denke über ihr Ansinnen nach, ich hinterfrage meine eigenen Einstellungen und sie zeigen mir, dass das Festhalten an nicht überdachten, längst überholten Einstellungen nur ein scheinbarer Anker ist, der trügerisch ist. Eine Grundmauer, die einen vermeintlich absichert. Aber welche "Absicherung" soll das sein? Und für wen werden diese Werte denn wirklich gelebt? 

Meine Töchter sind inzwischen "Tintlinge" geworden. So bezeichnen sich Menschen, die tätowiert sind. Und nein, keine Anker, Meerjungfrauen und auch keine Totenköpfe. Es sind wahre künstlerische Meisterwerke, fantastische Feinarbeit, filigran herausgearbeitet und mit Sicherheit auch noch wunderschön auf einer alternden Haut anzusehen.

 

Und es geht weiter: Miriam baut sich gerade ein kleines Nebengewerbe als Tätowiererin auf - 

Und natürlich gehe ich mit meinem Kind und schaue ihr bei ihrer Arbeit zu, fotografiere sie, während sie sehr sachte und absolut genau, detailliert und filigran einen kleinen Kranz mit Blümchen um meinen Knöchel tätowiert.

 

Mimi Swart: Instagram swart.handpoke

 

 



 

In My Time

Who doesn´t know this? Sunday lunchtime,  family sitting together around the table, the roast steams out of the pot, everybody helps himself and after a few munching moments ones start to chat about the last week. Some have to tell important, others less important stuff about the stupid teacher or about the annoying way to work or how much had to be done in garden last week. Surrounded by teenagers who already are fed up for them just because of your presence or start to confrontate you with a provocative idea. You start to remember these moments in your own youth, you think you have thrown the old fashioned pedagogical principles away and still... (there´s the roast on the table Sunday lunchtime!)! And the I hear myself saying: "In my time..".  Okay, what in my time? Didn´t I wanted to be an open-minded Mum, listening to my daughters, to understand them und I say that sentence? In my time? What is actually going on while our Sunday lunchtime? The point is about: piercing and tattoos. And absolutely clear: We parents are united in our opinion. A definitely NO. When you´re grown up then you can... In my time, there would... What? What would have been?

 

"In my time" are the 80s and 90s ment as a young adult in Berlin (West). In the meantime I think it is a strange way of thinking. As if a human only would be alive between its 16th and 30th year of one´s life and then? Waiting the rest of his/hers life until you fall into the coffin? No. My time is now. Here and now. When else? By no means I do belong to those who always look into the past with a glance in my eyes. Not at all. I do enjoy every decade of my life and unbelievable I´m already in the 6th decade. And still I do say "in my time".

 

But where were we? Yes, being confrontated with unbelievable and absolutely naughty begs of my daughters. They want to get pierced and tattooed. Once again: I wanted to be modern, mind-opened Mum, to understand the world of my children and exactly here two worlds of myself meet and rag with each other. No way, my daughter cannot get tattooed and pierced! No. And the other side says: Wow, how cool is this? She has the courage to ask us, she has the trust to confrontate us with her ideas. And while we are discussing I stand next to myself. I´m irritated. The point are tattoos. Back to "in my time" tattoos were unseemly. Those who were tattooed didn´t belong to our civil and educated society. And now I´m irritated because my daughter´s are longing for something I never ever who have had the idea to do! Well, aren´t they a generation further? And isn´t it so: Things and times are changing? But tattoos? The men from the waste collection do have tattoos. Or the released prisoners. T h o s e  do have tattoos. With anchor, skull and crossbones. No, I can´t get out of my skin and here´s a clear: No. No tattoo on the innocent skin of my daughter. An anchor on the one side of her shoulder and a frightening skull on the other side? My goodness. Nononono.

  

Of course we discuss, arguments are flying back and forth and then we decide to recess our "chat", friendly said for: heavy fit of anger about our very old-fashioned and absolute stupid way of thinking. We´re really more than disgusting parents.

Well, our family is a bit different to other normal middle-class families. We are different and things in our lives went in another way. My daughters had to- early in their grown up times- fend for themselves and also had to learn early to make decisions they were then responsable for. And that of course they also did.

 

After the first discussions about tattoos (I thought we had overcome them successfully) a new discussion kept coming around: A tongue piercing was demanded! NO, no in no case at all! But clever as my older daughter was she asked me as she was 16 years old to allow her a tongue piercing. Of course my answer was no. When you`re grown up, then you can do what ever you want.  A short while after that I saw her playing with her tongue in her mouth and I shouted out: Didn`t I say no? Yes, Mum, you said no, but Dad allowed me to do so. Immediately I rang him up and this was the whole story: She begged her father to permit her a tongue piercing and he asked her whether she had asked her Mum. Honestly was her answer (not completely but truthfully) and yes, she had talken to me. He thought then that I gave my permission and so he said yes to her...

 

So the years go by and with the years one taboo after the other is "broken" in me because of my daughters. I think about their suggestions, question myself and they show me that holding on not considered views only is an apparently anchor, probably an illusory anchor. A foundation wall which saves you? What kind of protection shall that be and for whom are these values really for?

 

 

In the meantime my daughters turned into so named "tintlinge" (unfortunately there´s no English word for), people who do have tattoos name themselves so. And no, no anchors, no mermaids and also no skulls and bones. They do have real artistic masterpieces, stunning precision work, delicate presented in detail and for sure still wonderful to see on an aging skin.

 

And it goes further on: Miriam started with a little side-business as a tattoist and of course I guide my child und watch her at her work, taking photographs while she very gently, absolutely correct, en detail tattoos a filigree circle around my ankle.

 

You can see more about her work on instagram: Mimi  Swart: swart.handpoke

 


Annette Swart Photojournalist

Swart_Annette@yahoo.de

 

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