You can´t make old friends

Ein altes, etwas schrulliges Lied von Dolly Parton und Kenny Rogers ist mit einem Schlag kein schrulliges Lied mehr für mich. You can´t make old friends. Ich rufe mir das Lied auf YouTube auf und schmelze beim Sehen und Hören dahin. What?? Liegt das etwa am Alter?! Nein, wir altern doch nicht und wie heißt es in einer Werbung so schön: Alt werden tue ich später. Genau.
Nein, es ist etwas wirklich ganz etwas anderes. Und was die beiden in ihrem Clip darstellen habe ich die Ehre es nahezu gleich mit einem old friend zu haben. Er ist geringfügig mehr als "nur" ein old friend. Wir wären ein perfektes Paar gewesen, wenn nicht unsere jeweiligen Lebensereignisse so versetzt stattgefunden hätten. So war der eine frei und unabhängig, die andere aber überhaupt nicht. Etwas mehr als eine Dekade später genau umgekehrt und wir stehen wieder vor einem nicht auflösbaren Knoten. Nein, hier wird auch nichts mit dem Schwert durchgeschlagen, denn es geht nicht um eine brachiale Auflösung des Knotens. In der momentanen Unauflösbarkeit eines Zustandes liegt die Kunst es annehmen zu können, wie es ist. Ja, wir haben diese Liebe füreinander, die wir nicht ausleben können. Aber, es gibt doch noch eine andere Lösung ohne die eigene Lebensenergie mit der Auflösung eines nicht auflösbaren Knotens zu verschwenden. My old friend. Und wie symbolisch, kennengelernt haben wir uns, als er heiratete und das von uns dabei entstandene Foto löste Staunen aus, denn man fragte sich, ob wir das eigentliche Hochzeitspaar gewesen seien. Nein, waren wir natürlich nicht und wir waren beide nicht frei.
Was macht einen old friend aus? Und wie schafft man es old friends zu werden über die Jahrzehnte. Ja, es sind Jahrzehnte inzwischen geworden und wie es in dem Lied so schön heißt: When somebody knocks at the door, someone new walks in, I will smile and shake their hands, but you can't make old friends.
Ich habe noch aus meiner Schulzeit wirkliche old friends und wir fünf Frauen sind nun inzwischen, warte, ich muss rechnen, ähm, ja, seit genau 45 Jahren (oh Himmel!) miteinander befreundet. Ja, wirklich befreundet. Alles, ja nahezu wirklich alles, was in unseren Leben stattfand, die doofen Eltern, Schule, Schulabschlüsse, der 1. Freund, Trennung, Herzschmerz, Ausbildung, Studium, die erste eigene Wohnung, der 2. Freund, die Hochzeit, die bekloppten Schwiegereltern, das 1. Kind, wieder eine Hochzeit, das 1. Kind bei der anderen, Studiumabschluß bei der vierten, die neue Arbeitsstelle, Probleme mit der Kita, der nächste Freund bei einer anderen, das 2. Kind bei der ersten, Arbeitsplatz bei der vierten, oh nein, wieder Trennung bei der fünften, ach, das 2. Kind bei der dritten, ohje, Trennung, Scheidung, ein neuer Freund?, ah das 1. Kind bei der zweiten, Krankheiten bei allen, Arbeitsstellenwechsel, Ortswechsel, bauen, umziehen, das 2. Kind bei der zweiten, Tod der Eltern, das Heranwachsen der 6 Kinder, die alle inzwischen wunderbare, ja wirklich ganz tolle junge Erwachsene sind und huch, bereits längst in ihren eigenen Wohnungen leben, den/die 1., 2. 3. Freund/-in hinter sich haben, Ausbildungen abgeschlossen haben und da ist wieder der Kreislauf des Lebens. Aber heute meine ich nicht diese, meine wunderbaren, wertvollen old friends.
Heute spreche ich von meinem old friend, der ein Teil von mir ist, seit nun mehr 28 Jahren. Wir haben uns immer wieder aus den Augen verloren, den Kontakt zueinander verloren und just vor drei Wochen:
Vor drei Wochen begrüßte mich am Samstagmorgen eine Mail und zunächst dachte ich, ein Spam hat sich aus dem Spamordner herausgemogelt. Nein, kein Spam. Er schreibt und im Betreff steht „Lebenszeichen?“. Lese ich die Mail, ja oder nein? Klicke ich sie an und öffne, vorab ahnend, die Tür? Ja, die Tür. Natürlich tue ich es, ohne wirklich zu zögern und es ist mehr als nur die Frage nach einem Lebenszeichen von mir. Ich werde mit wenigen Zeilen auf seinen momentanen Lebensstand, seine momentane Lebenssituation gebracht und nach einem kurzen unspektakulärem hin und her steht er, wie verabredet, am Pfingstmontag vor meinem Gartentor und grinst über sein ganzes Gesicht. 
Natürlich erkennen wir einander sofort wieder und nach dem schnellen Klären der allgegenwärtig pandemischen Frage, umarmen wir uns und freuen uns einander zu sehen. Nein, es ist alles andere als ein selbstgefälliges, überheblich-männliches „Hello again!“. Es ist ein vorsichtiges, fast zaghaftes, aber doch freudiges „Wie schön, Dich zu sehen!“. Sofort ist die Gegenseitigkeit da, die Selbstverständlichkeit des anderen. Eine irre Kombination aus so Vertrautem und doch lange nicht mehr Gesehenem. Die letzten Jahre haben am jeweiligen Gesicht des anderen natürlich die Spur des Alterns, des Erlebten hinterlassen und die Falten und Fältchen werden lachend kommentiert, und der frühere Reiz keimt ganz langsam wieder auf. Da ist etwas zwischen uns, was auch über die Jahre hinweg nicht weggegangen ist. Das Etwas hat scheinbar geschlafen und reibt sich ganz langsam verschlafen die Augen.
Schnell ist abgeglichen was abgeglichen werden muss, aber vor uns liegt hoffentlich endlich die Zeit, die alle Zeit hat, um weiter abzugleichen, wenn nötig. Nein, sicher ist das nicht. Seine Stimme, seine Gesten, seine Art zu laufen, wie vertraut er mir ist. Und ohne es wirklich zu merken sind wir wieder im vertrauten miteinander und reden.
Warum führen jetzt uns unsere Lebenswege wieder zueinander? Auch wenn meine engsten Freundinnen und meine beiden Töchter natürlich schon längst ausführlich informiert wurden, stelle ich mir die Frage. Von ihnen hörte ich ein sofortiges: Genieße es! Denke nicht nach, genieße eure gemeinsame Zeit in vollen Zügen!
Und dennoch: Warum kreuzen sich jetzt unsere Lebenswege? Kreuzen sie sich nur wieder oder führen sie auch zusammen und fahren gemeinsam weiter? Alte Ängste kriechen meinen Nacken hinauf, nein, sie dürfen zwar sein, sie müssen auch wahrgenommen werden, aber sie dürfen nicht die Führung übernehmen.
Wir sind unterwegs und fahren übers Land, steigen aus, wo es uns gefällt, fahren weiter, halten an, alles im Konsens, alles im Miteinander. Alles mit einem Gemisch aus „ja, wie schön“, wie schön, ihn zu spüren, ihn zu riechen und ein „nein, lieber nicht“. Das „lieber nicht“ um meinen inneren Seelenfrieden willen. Aber sprach ich nicht von einer sich öffnenden Tür? War da nicht das schlafende Gefühl, das er nach den Jahren des Nichtsehens aufweckte? Natürlich warst Du all die Jahre in meinem Leben gegenwärtig. Wie könnte das denn auch anders gewesen sein?! Ja, es ist lange her und dennoch.
Aber wie eingangs dargestellt, war er frei, war ich es nicht, war ich frei, war er es nicht und genau vor dieser Situation stehen wir beide wieder. Es geht nicht nur um uns, es geht auch um andere Menschen, die mit im Boot des jeweiligen sind. Wir reden viel, reden sehr offen, wir planen unsere kleinen Ausflüchte, planen kleine geheime Momente, nur wir beide, aber es gibt eine innere Blockade. Die sagt nein. Ich schreibe an ihn: "Was gäbe ich drum, meiner Psyche eine Coolness geben zu können, die einfach nimmt, was kommt. Was gäbe ich darum, Dich einfach zu „erobern“ und den weiteren Lebensweg mit Dir gehen zu können. Aber so funktioniere ich nicht, nicht auf Kosten anderer und es wäre für uns beide auch nicht gesegnet. Nicht so und nicht jetzt."
Und während ich unser erneutes Zusammenkommen, das keine Demarkationslinie überschritten hat, verarbeite, rasseln und rooren Kenny Rogers und Dolly Partons Stimmen in mein Bewusstsein. You can´t make old friends und er ist ein old friend. Und ich will ihn auf keinen Fall schon wieder aus den Augen verlieren. Ja, romantisch-grausamer Hollywood Kitsch, beide sitzen anständig voneinander auf dem Sofa entfernt, aber nah genug, um ihre Verbundenheit als Freunde zu zeigen. Doch, genauso kann und wird es auch gehen. Dass erst Kenny und Dolly mich dazu ansäuseln müssen.... Tsss....
Einige Wochen der harmlosen Freundschaft, der Zeit sich gegenseitig upzudaten, ist vergangen. Ich sehe kein Gesäusel mehr, ich spüre auch kein Gesäusel, wir haben nur etwas aufgewärmt, was nicht mehr ins Hier und Jetzt passt. 
My old friend, du bist eben ein "old friend" in meinem Leben, aber reicht das? Es ist schön, dass wir beide uns in der ersten Begegnung uns jeweils an uns selbst vor eben 28, 20 Jahren erinnert haben. Ein kurzer Augenblick des Aufflammens der eigenen Jugend. Haben aber die Ereignisse der letzten mindestens zwei Dekaden nicht doch tiefe Spuren in unserem Inneren hinterlassen, als dass ein sich gegenseitiges Angrinsen ausreichen würde? Ja, haben sie. Die Suren haben dich verändert, sie haben mich verändert und auch das Vertrautsein kann darüber nicht hinwegtäuschen. 
Ein jeder von uns geht wieder seinen eigenen Weg und wir reduzieren unsere old friendship auf eine gelegentliche Mail und vielleicht zwischendurch irgendwo auf ein Kaffee.

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Annette Swart Photojournalist

Swart_Annette@yahoo.de

 

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