Märchenprinz

Unlängst laufe ich mit einem Bekannten über einen Universitätscampus. Es zieht uns dahin, schauend, wie die Universität in Zeiten der Pandemie und in Zeiten der Semesterferien wirkt und sich im Vergleich zu den eigenen Studienzeiten verändert hat. Natürlich wirkt sie still, nahezu tot, nichts und fast niemand ist zu sehen. Aber der Geruch, dieser altbekannte Geruch der verstaubten Bibliotheksbücher wabert überall und dringt sofort in meine Nase. Wunderbares Gefühl der Erinnerungen wird ausgelöst, in dem ich kurzweilig schwelge. Ich erinnere mich an Seminare, Stunden in der Bibliothek, Prüfungen, Wochen des Lernens und ganz besonders daran, als ich Studium bedingt das Latinum nachholte. Lerngruppen mit Mitstudenten, an die ich mich nicht mehr erinnere, aber an die Stimmung, an den Zusammenhalt. In dieser Atmosphäre laufend, schlendern wir durch die Gänge der Uni, lesen Wandanschläge, Veranstaltungshinweise, Korona bedingte Absagen usw.

Unweit des Campus kommen uns drei junge fröhliche, sich anregend unterhaltende Frauen entgegen. Ich erfreue mich an den Anblick und sage zu meinem Bekannten, wie schön, diese jungen Frauen zu sehen. Ich bleibe einen Moment stehen und schaue ihnen hinterher und ich lächle in mich hinein. Er bleibt ebenfalls stehen und sagt lapidar: "Ach was, die warten bloß auf den Märchenprinz!" Während er über seinen eigenen scheinbaren Witz noch lacht, stockt mir der Atem. Entsetzt stelle ich ihn zur Rede und frage ihn, was diese Bemerkung denn solle? Er läuft weiter und brummelt etwas in sich hinein und ganz offensichtlich nicht bereit, sich der Diskussion zu stellen. Er werde jetzt nicht darüber diskutieren, höre ich ihn sagen. Mir stockt noch mehr der Atem ob seiner direktiven Art und mit einem Schlag sehe ich einen alten, weißen Mann mit einer unfassbaren männlichen Arroganz vor mir. Der aufgeklärte, belesene und gebildete Mann, eloquent und höflich mutiert aus dem plötzlichen Nichts zu einem Neandertaler. Ich bleibe entsetzt und erkenne wieder mal, wieviel Arbeit uns Frauen noch bevorsteht. 

 

Annette Swart Photojournalist

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