Frau jenseits der 50



Bestandsaufnahme und Zukunft

 

Im Moment sieht mein Leben so aus:

 

Als Bereichsleiterin und Standortleiterin bei einem großen Bildungsträger in Bayern würde ich sagen, nein, sage ich: Ich bin hauptberuflich angekommen. Der Job ist in seiner Vielfalt, mit all seinen Facetten, Herausforderungen und Anforderungen mir auf den Leib geschrieben. Zwar bleibt wenig Zeit mich meiner nebenberuflichen Tätigkeit als Photojournalistin zu widmen, aber diese bleibt dennoch ein wesentlicher Bestand meiner Ziele.

 

Im Privatleben sieht es etwas anders aus. Ich mache derzeit eine Art Inventur, Kassensturz, Bestandsaufnahme. Wo stehe ich jetzt und wo will ich hin. In 2 Jahren werde ich 60, also Zeit wird´s, sich neu zu sortieren. Ich schaue mir meine Bemühungen an, insbesondere die der letzten 10 Jahre. Heuer, also 2022, jährt sich mein sogenanntes 10jähriges Jubiläum. 2012 hatte ich einen absoluten Zusammenbruch, war innerlich komplett derangiert. Die Jahre darauf galt es, mich beruflich und privat zu konsolidieren. Die materielle Sicherheit habe ich erreicht. Die berufliche Absicherung ist der Bestandteil meines autarken Lebens, denn ja, ich bin autark. Mitnichten kann ich große Sprünge machen, aber konsolidiert und autark zu sein, sind besonders wertvolle Schätze.

 

Wie gesagt, ich mache eine private Bestandsaufnahme. Wo und bei wem bemühte ich mich um Kontakt, wie sind die Reaktionen, konnte daraus was entstehen, konnte ich mir ein neues soziales Netzwerk aufbauen, wurde auch umgekehrt mit mir Kontakt aufgenommen?

 

Die Antwort fällt etwas differenzierter aus. Denn, es ist festzustellen, dass ich an Vorstellungen gehangen habe, die sich nicht haben umsetzen lassen. Die Gesellschaft ist anders geworden, ich bin anders geworden oder ich war es schon immer.

Gerne hätte ich einen in sich aktiven und stabilen Freundeskreis aufgebaut. Viele, wirklich viele Kolleg*Innen sind mir meines Weges begegnet, kurze, meist oberflächliche Begegnungen. Nahezu keine davon hätte sich privat ausbauen lassen.

 

Und als partnerlose Frau, deren Familie weit verstreut ist, und Familie als solches nur ein Wort geworden ist, ist das Aufbauen eines aktiven Freundeskreises nur unter sehr erschwerten Bedingungen und mit einer hohen Frustrationstoleranz möglich.

 

Single Frauen, die jenseits der 45 oder gar 55 sind, sind kein attraktiver gesellschaftlicher Bestandteil. Zumindest sind das meine Erfahrungen. Lückenschließerin oder Pausenfüllerin, Mitgeherin oder im unangenehmen Fall Mitläuferin. Wenn frau im gleichen Wohnort geblieben ist, Schule, Ausbildung, Ehe, Kinder, Familie, Freundeskreis sich dort abspielen und damit die Verwurzelung gegeben ist, dann sind das andere Bedingungen. Diese meine ich nicht. 

 

Wenn aber das Leben eine andere Geschichte, als ursprünglich gewünscht, geschrieben hat, und die Verwurzelung nicht möglich war (weil vielleicht auch nicht gewollt), dann schließt sich der Kreis zu dem oben Gesagtem: Frauen jenseits der 55 sind kein attraktiver gesellschaftlicher Bestandteil (mehr). 

 

Woran liegt das? In einer Facebook-Gruppe schrieb eine Frau, dass wir Frauen ab 50 doch eine ganz besondere Spezie sind. Ja, dem kann ich nur zustimmen. Und mein Kommentar dazu:

 

"Sagen wir mal so, den ganzen Quatsch der Verstellung und Anpassung haben wir doch hinter uns. Auch der Blödsinn unsere eigenen Wünsche hintenan zu stellen, ständig für andere da zu sein, auf unsere Göttergatten (wenn überhaupt vorhanden) ewig zu warten. Das ist Geschichte. Jetzt ist: Meine Welt, meine Fähigkeiten und meine Begabung, meine Wünsche und meine Ziele. Wer mich auf meiner Lebensreise begleiten will, herzlich willkommen. Ich denke das inzwischen wirklich so, denn mit 57 Jahren habe ich noch sehr, sehr viel vor in meinem Leben. Ohja, wir sind richtig coole Socken und eine sehr besondere Spezies!"

  

Aber ganz ehrlich, was sind wir Frauen denn ab 50 für eine Spezie und warum eine besondere Spezie?

Es ist zweifelsohne nicht eine Kategorie, in die wir gehören nur aufgrund des Alters. Mein Interesse gilt vor allem den Single Frauen ab 50. Bekannte, die seit Jahrhunderten liiert sind, tun sich extrem schwer, sich alleine am Wochenende zu verabreden. Es sind stets deren Beziehungen, Ehen, die das (angeblich) verhindern. Unter der Woche hingegen ist mein Energielevel abends auf ein Minimum gesunken. Alle verfügbaren Wortes des Tages sind gesprochen worden und abends ruft meistens die Coach, das Glas Wein und ein guter Film. Ende Gelände. Daher am Wochenende. 

Eine schwer zu überbrückende Diskrepanz der liierten und nicht liierten 50igerinnen+.

  

Also kommt wieder der Gedanke, ob ich noch an alten Vorstellungen klebe, die mit meinem realen Leben nicht kompatibel sind oder auch ganz einfach falsche Ansätze habe. Und ja, diverse Ratschläge von Singlebörse über Vereine bis hin zu Laufgruppen sind umgesetzt, ausprobiert worden, fruchteten aber nicht mit mir.

 

Daher, hänge ich also an Vorstellungen, die ich nicht mehr geprüft habe und wundere mich über die Frustration? 

 

Für unsere Generation (Geburtsjahre End´50er- 60ern) sind Single Frauen über 50 dahingehend besonders, als dass wir weder mit den Farben grau, hellblau, altrosa und lindgrün unterwegs sind. Auch haben wir meist keine praktischen Kurzhaarfrisuren oder sind gar geschlechtsneutral (nicht verwechseln mit dem heutigen gendern!), sondern sind durch und durch fraulich, weiblich oder anders formuliert: Haben bewusste Entscheidung über unser Äußerliches getroffen. Und zudem mit einem markanten Unterschied zu den über 50ern der Generation vor uns: Wir trauen uns den Weg zu gehen, den wir gehen wollen. Die gesellschaftliche Ausgrenzung zeigt sich anders, weniger dramatisch, hart oder gar zerstörerisch, wie  sie es früher den Frauen gegenüber tat.

 

Diese faszinierende Frauengruppe auf FB ist eine Campergruppe für Frauen. Für und von Frauen, die (meist) alleine mit ihrem Camper durch die Welt touren. Und sie sind alle über 50. Wir sind nur bedingt Pionierinnen, wir sind sicher nicht die ersten. Aber wir sind mehr geworden, sehr viel mehr.

 

Das gesellschaftliche Bild also, dem ich noch nachhing, gilt nicht mehr für mich. Das haben mir insbesondere die letzten 10 Jahre gezeigt. Aber, es ist auch eine wirklich schöne Erkenntnis, denn sie macht mich in meinem Kopf endlich frei. Eine Erkenntnis, mit der ich nun lernen muss, etwas anzufangen.

 

Natürlich bin ich immer noch (einerseits) eine gesellige Frau und mag es, mit Menschen zusammen zu sein. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu arbeiten, im Team zu sein. Aber andererseits haben die vielen letzten Jahre mich verändert. Ich habe gelernt, mit dem klar zu kommen, wie es ist. Es ist kein einsames und völlig alleiniges Leben, mitnichten! Es ist das wunderbare und manchmal abenteuerliche Leben einer Single-Frau.

 

Nun stehe ich also vor einem Wendepunkt der Weiterentwicklung. Ich nehme es wahr, ich nehme es auf und richte mich auch auf.

 

Und: Es gibt noch keine Antwort auf das: Und jetzt? Wohin geht es denn jetzt? Was willst Du? Ich kann nur sagen, dass die begonnene Freiheit in meinem Kopf sich langsam umsetzen wird... 

 


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Kommentare: 2
  • #1

    Renate K. (Sonntag, 03 April 2022 19:56)

    Da kann ich vieles unterschreiben. Ich war auch schon oft an dem Punkt, mich zu fragen: Was will ich? Was macht mich aus? Wo will ich hin? Was will ich noch tun?
    Ich gab noch nicht das Gefühl, dass es das war .. beruflich als auch privat. Ich bin aber irgendwann dazu übergegangen mir nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, mir zuviel Gedanken drumherum zu machen .. Ich tauche ein im Jetzt und mache das, was mir Spaß macht und wozu ich Lust habe. Klar ist vieles, wäre es anders, schöner, wie etwas Partnerschaft .. aber ganz ehrlich. Ich bin's leid auf den Moment zu warten bis der kommt oder auch nicht. Alles hat seinen Sinn, nix passiert umsonst und alles geschieht zu seiner Zeit. Und wenn das nicht so ist, dann hat es jucht sollen sein. So seh ich das.
    Lieber viel von wenig als nix von viel .. in diesem Sinne .. geniesse den Moment, den Augenblick und achte darauf, dass es Dir gut geht.

  • #2

    Sylvaine (Sonntag, 03 April 2022 22:11)

    Ich mag Deine Vorstellung. Ich ging mit 52 Jahren nach Island. Ich bin hier, frei, wild, ungezähmt. Ich atme. Manchmal braucht es nicht mehr. Ich bin kompromissloser geworden.Dankeschön für den Text. Ich wünsche Dir eine gute Zeit.

Annette Swart Photojournalist

Swart_Annette@yahoo.de

 

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