Kerstin



Kerstin sitzt Beine überkreuzt auf ihrem gemütlichen riesigen Sofa, rührt, in Gedanken vertieft, ihren Tee um und meint, dass man leider oft erst hinter her merkt, dass die vergangene Zeit, eine schöne Zeit gewesen ist.  Sie ist in der vollen Blüte ihres Lebens und hat bereits sehr viel erlebt und wer viel erlebt hat, hat etwas zu sagen. Und das hat sie. Sie ist die Heldin ihres Lebens mit all den Herausforderungen, auf die sie (in ihrer Generation) nicht vorbereitet wurde.

 

In Franken geboren und aufgewachsen wird die überdurchschnittlich begabte Kerstin sehr früh mit der Engstirnigkeit der verschlafenen Kleinstadt konfrontiert. Für Frauen ist der Weg seit jeher schon vorgeplant, vorbestimmt- Ausnahmen gibt es nicht. Kerstin rebelliert nicht laut und aufbrausend, das erlaubt ihr Wesen nicht. Sie hat eine leise, aber sehr bestimmte Dominanz. Sie ist keine Frau, der man einfach kumpelhaft auf die Schulter klopft. Und keine Frau, die still über sich entscheiden lässt. So geht sie selbstbestimmt ihren Weg in die nächst gelegene Stadt und studiert.

 

Als Diplom-Kauffrau führt sie der Weg nach Frankfurt und arbeitet bei verschiedenen international renommierten Firmen. Step by step bahnt sie sich ihren beruflich erfolgreichen Werdegang begleitet von ihrer lebenslustigen fränkischen Mentalität. Selbst und bestimmt verantwortet sie sich und ihr eigenes Leben. Oft wird versucht, sie auf ihre Weiblichkeit zu reduzieren, doch misslingen diese Versuche, kläglich. Sie ist nicht die Frau, die mit Komplimenten klein gehalten werden kann. Kerstin spricht aus, sie redet, sie konfrontiert. Nicht laut, nicht polternd, aber sehr klar.

Mit dieser Diskrepanz einer gebildeten und zugleich auch attraktiven Frau muss sie lernen umzugehen. Eine Diskrepanz, weil attraktive Frauen oft auf ihre reine Äußerlichkeit reduziert werden. Kein einfacher Weg, denn immer noch hat sie das Kleingehaltenwerden ihrer Herkunft tief in sich. Auch wenn der Verstand längst andere Wege eingeschlagen hat, Geist und Kopf viele positive Erfahrungen gemacht haben, die traditionell orientierte Erziehung sitzt tief. Diese leise innere Rebellion wird sie ihr ganzes Leben begleiten. Nennen wir es "leise Rebellion" trotz der Wut und Fassungslosigkeit.

 

Neben Frankfurt führt sie ihr beruflicher Weg nach England. Wieder bricht eine neue Zeit in ihrem Leben an. Eine ganz neue und eine ganz andere Zeit, die sie in ihrer Unabhängigkeit bestärkt, es ist nahezu eine Zeit des Glücks. Land und Leute werden bereist und erkundet - eine Befriedigung ihres stets nach Nahrung hungernden Geistes. Und so wird die britische Mentalität nach und nach unverkennbar zu einem elementaren Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Sie ist nicht mehr das "fränkische Mädchen", sie ist eine gestandene Frau, die sich problemlos sogar im britischen Slang unterhalten kann.

 

Nach einigen Jahren auf der Insel wird sie beruflich wieder nach Deutschland beordert - als Kennerin der Deutschen und der Englischen Mentalität für eine Firma von unschätzbarem Wert. Nur dass Frauen dieser Wert nicht wirklich zuteil wird - weder finanziell noch personell. Wie so oft. Aber abgesehen von ihrem beruflichen Erfolg fordert nun in ihrem Privatleben ihr kleiner Sohn Aufmerksamkeit und Zuwendung. Kerstin bleibt, trotz ihrer Mutterschaft, eine berufstätige Frau. Das Versorgt sein, das Versorgt werden widerstrebt ihr. Abhängig sein hat sie bereits als Jugendliche nicht hinnehmen können und so achtet sie stets auf ihre eigenen beruflichen Standbeine. Und ihre Erfahrung gibt ihr Recht. So ist sie recht bald allein für ihren Sohn verantwortlich und bewältigt erfolgreich die herausfordernde Arbeit als allein erziehende und berufstätige Mutter.

 

Die vielen Jahre des Unterwegs seins haben ihr aber auch gezeigt, dass die vertraute Gegend der Kindheit, das eigene Gemüt zur Ruhe bringen kann. Die Herausforderungen dem Sohn eine gesicherte Lebensbasis zu bieten sind groß genug. So kehrt sie wieder nach Franken zurück und kann ihrem Sohn ein stabiles Fundament bieten. Aus dem kleinen Jungen ist inzwischen ein junger erwachsener Mann geworden. Ihn hat sie vor allem eins gelehrt: Sich selbst zu vertrauen. Das, was sie in ihrem eigenen Leben sich stets abverlangt hat, gibt sie ihm als selbstverständliche Basis mit.

 

Auf die Frage was sie gerne noch machen möchte, was sie gerne noch erleben möchte, lacht sie herzhaft los. Noch ganz viel möchte sie machen und erleben, das sei doch völlig klar, aber vor allem einen Traum umsetzen: Endlich ihre Fluglizenz abschließen und dann einmal die gesamte Küste Australiens abfliegen.

 

 

 

Annette Swart Photojournalist

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