Rainer



Rainer sagt von sich, dass er sehr oft in seinem Leben das Glück gehabt hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Als einziges Kind einer ganz normalen Arbeiterfamilie in Rheinland-Pfalz geboren, kennt er aber auch die Jahre der vielfachen Entbehrung nach dem Krieg nur zu gut. Und dennoch ist sein inneres Wesen, eigentlich sein ganzes Leben geprägt von der tiefen elterlichen Liebe, die ihn umgab. Eine Rarität zu der Zeit. Behütet, geliebt und soweit die Familie das finanziell bewältigen konnte, auch gefördert. Das hat Rainer stets zu würdigen gewusst und absolviert in jungen Jahren zunächst eine Handwerkerausbildung und setzt sein anschließendes Elektrotechnik Studium in seinen späteren beruflichen Werdegang erfolgreich ein. 

 

Nach seinem Studium fängt er als Ingenieur bei einer Firma in Berlin (West) an zu arbeiten, der er bis zu seiner Rente treu bleiben wird. Auch Berlin bleibt er über all die Jahrzehnte treu, die Stadt ist/wird/bleibt seine Basis, seine Heimat.

Die Firma sieht schnell in dem jungen Mitarbeiter genau jenen Kollegen, der einerseits gewissenhaft, genau und zuverlässig ist und andererseits jenen, der hungrig auf die große Welt da draußen. Eine Welt, die nichts mit der Deutschen "Piefigkeit" zu tun hat und vor allem auch nichts mit dem gerade überwundenem Nazideutschland. Ein Ingenieur mit Abenteurer-Gen. Er wird in die Türkei gesendet und lebt unter anderem viele Monate in Ankara, wo er die türkische Sprache erlernt. Rainer begegnet dem türkischen Leben in seiner Diversität mit größter Neugier. Das Argarland mit einigen wenigen Großstädten, mehr Entwicklungsland mit altertümlich anmutenden Dorfstrukturen, wo die Männer reihenweise vor den Kaffeehäusern sitzen und ihren übersüßen cay trinken. Ein wahres Abenteuer betrachtet man es aus der damaligen Sicht.  Später wird ihm das besonderen Respekt bei seinen türkischen Mitarbeitern als Abteilungsleiter im Berliner Werk einbringen. Der Chef spricht Türkisch.

 

Seinem Verlangen nach anderen Ländern, Gebräuchen, Sprachen und Dialekten kann er vor allem durch die Reisen nachgehen, die ihm seine Firma nach dem erfolgreichen Türkei-Aufenthalt nun erst recht ermöglichen wird. Insbesondere sein Job öffnet ihm viele Türen in andere, völlig fremde Welten und Kulturen. Es ist die Zeit, die kein Internet, Social Media oder Handy kennt. Es ist die Zeit der Münztelefone, der Telefone mit Wahlscheiben und der analogen Kameras, in die man Filme einspannt. Genau das ist seine Welt, in der er zudem eintaucht. Er kauft sich eine Filmkamera, ein Stativ und fängt an in 8mm zu drehen, zu schneiden und später dann die Filme in seinem Freundeskreis vorzuführen. Er dreht das, was ihm vor die Linse kommt, aber auch ganz gezielt sucht er sich seine Motive aus. Es ist nicht nur das Erleben einer anderen Welt, das ihn antreibt, er will über sie wissen und mit seinen erlebten Anekdoten darüber berichten. Diese Lebensneugierde hat er sich sein ganzes Leben bewahrt und diese genährt.

 

So führen ihn seine beruflichen Reisen in den 60er und 70er Jahren auch nach Südafrika. Hier baut er sich eine kleine Basis in Kapstadt auf, bereist mit seiner Frau, die er dort kennengelernt hat, das ganze Land, die Nachbarländer und erlebt kleinere bis größere Abenteuer. Sei es, dass sein Auto in der Etosha-Pfanne (Namibia) (oder war es doch im Krüger Nationalpark?) stecken blieb und er keine andere Wahl hatte als auszusteigen und den lebensgefährlichen Weg zum nächstgelegenem Camp zu laufen, während seine Frau im Auto blieb und wartete...

Ob er in den Drakensbergen mit Zelt und einfachster Ausstattung unterwegs war, an Wildbächen campte oder unterwegs in kleinen Lodgen, ebenfalls der einfachsten Art, übernachtete, er fand immer einen Weg seinem Abenteurer-Gen gerecht zu werden. Und es gibt auf dem gesamten afrikanischen Kontinent nahezu kein Land, das er nicht bereist hat, das er nicht kennt. Meist wurde er beruflich dorthin gesandt, aber er wusste das stets für sich zu nutzen. Man könnte ihn auch als einen Zeitzeugen für die verschiedenen Zeiten, Zeitenwandel und Welten nennen, in denen er noch Obervolta, das heutige Burkina Faso, bereiste. Oder das damalige Süd-Rhodesien, das heutige Simbabwe. Er kennt das Südafrika während der tiefsten Apartheid und das spätere, sich stets verändernde Südafrika von Mandela. Er kennt das Libyen noch mit dem einstigen Gaddafi, bereiste Algerien und Marokko. Als (Zeit-)Zeugen für die Zeiten der vielen, verschiedenen kolonialisierten afrikanischen Länder, die es dann im Laufe der Zeit geschafft haben, sich von der Vorherrschaft europäischer Mächte zu befreien und sich ihrer eigenen Kultur besinnen zu können. Diesen Wandel vieler afrikanischen Länder hat er miterleben dürfen - ein Zeitzeuge der besonderen Art.

 

Mitte der 70er Jahre verlässt er Südafrika. Das Projekt seiner Firma ist abgeschlossen und er entschließt sich zusammen mit seiner kleinen Familie nach Berlin zu gehen. Hier baut er seine heimatliche Basis aus, kauft sich ein Haus, ja, er wird sogar ansässig. Diese Basis ist aber "nur" ein Fundament für seine zukünftigen Erlebnisse und Reisen, denn die Welt ist für ihn noch längst nicht zu Ende erkundet.

 

Seine Arbeit fordert ihm sehr viel Kraft ab, es sind lange und manchmal sehr harte Arbeitstage, aber dennoch nimmt er sich die Zeit und wird politisch aktiv. Er tritt in die SPD ein, die SPD, die früher einmal eine Arbeiterpartei war und später eine Volkspartei wurde. Neben Berlin als Heimatort, die Firma als berufliche Heimat, so wird auch die SPD lange Zeit eine wichtige Basis für ihn sein, eine politische Heimat.  So lernt er den späteren Berliner Bürgermeister Walter Momper kennen, der Bürgermeister, der Berlin während des Mauerfalls regiert hat. Für die SPD veranstaltet er Wahlkämpfe mit, steht Jahr um Jahr zusammen mit seiner Frau und den Genoss*Innen am Markt, baut Stände auf und wieder ab. Er steht für die Politik der Partei. Doch nach vielen Jahren seiner SPD-Treue fordern nicht nur die parteiinternen Machtkämpfe ihren Tribut, sondern auch die Politik der SPD im Bund ärgert ihn zunehmend.  Er sieht immer weniger in der Partei seine einstige politische Heimat und zieht sich somit langsam aus der Parteiarbeit zurück. 

 

Parallel zu seiner Berufstätigkeit, dem Haus mit all seinen Sanierungsbedürfnissen und der (noch) Parteiarbeit, entdeckt Rainer auf einer sehr unkonventionellen Art eine weitere Leidenschaft: Das Segeln. Es zieht ihn eines Tages an den Berliner Wannsee, findet einen alten, erfahrenen Bootsmann, mietet sich kurzerhand das einfachste Segelboot, lässt sich vorher von dem etwas arg verdutzten Bootsmann die notwendigsten Handgriffe erklären und segelt einfach eine Runde über den Wannsee. Blut geleckt werden die notwendigen Segelführerscheine absolviert vom Grundschein bis hin zum Sportbootführerschein Binnen und See. Wettergegerbt und mit zerzaustem Bart, muffig riechend kehrte er von seinen kurzen Abenteuern und Auszeiten wieder zurück, um am nächsten Tag in Anzug und Krawatte, frisch rasiert in seinen Berufsalltag wieder zurückzukehren.

 

Dieser Berufsalltag wird noch einige Jahre viel von ihm abfordern. Afrika, insbesondere Südafrika muss noch warten, bevor er dahin, natürlich mit seiner Frau zusammen, zurückkehren wird. Asien steht auf dem Programm der Firma, man expandiert dorthin und so müssen Verträge u.a. in Taiwan und Japan verhandelt, abgeschlossen und letztendlich auch umgesetzt werden. Immer wieder viele Wochen wird er sich dort aufhalten und wie es nun mal sein Charakter ist, begegnet er auch der asiatischen, der fremden, der anderen Welt mit dem größtmöglichen Interesse. Er liest viel über die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und Begebenheiten der Länder und er weiß viel über die Staatsbeziehungen zwischen dem einstigen Deutschen Kaiserreich, der heutigen Bundesrepublik und dem jeweiligen Land im fernen Asien zu erzählen. 

 

Ende der 90er Jahre entscheidet er sich, nach vielen Jahrzehnten der Berufstätigkeit, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Es gibt schließlich noch unendlich viel zu tun, anderes zu tun und zu erleben. Rainer ist wahrlich nicht die Sorte von Rentner, der sich mit einem Kissen auf die Fensterbank lehnt und das Geschehen auf der Straße beobachtet und kommentiert. Er will schon beobachten, kommentieren unbedingt auch, aber vor allem teilhaben, mitmachen,  mitmischen. Das macht er indem er einen ungewöhnlichen Schritt tut und einfach in einen Männergesangsverein eintritt. Musik war nicht unbedingt einer seiner Lebensquellen, aber schließlich kann man Musik lernen. So wie damals das Filmen auch. Und das tut er. Er lernt Notenlesen, findet seine Position im Chor und ist auf diversen Abendveranstaltungen und Chorfahrten mit dabei. Und etwas ganz wichtiges fällt ihm auf: Der Chor hat keine Annalen. So begibt sich Rainer in die verschiedensten Bezirksbibliotheken, sucht einen Sangesbruder nach dem anderen auf, fragt, interviewt, fotografiert. Das macht er solange bis er die Annalen von der Gründung (um die Jahrhundertwende des 20. Jhd.) bis in die heutige Zeit fertig geschrieben hat und das "kleine" Werk auch veröffentlicht wird.  Ein kleines Meisterwerk. Aber noch etwas fordert ihn: Er wird vom Chor auf einen Lehrgang für Chorleiter gesendet. Hier erlernt er das Handwerk eines Chorleiters, legt eine Prüfung ab und verlässt den Lehrgang erfolgreich als frisch gebackener Chorleiter. 

Später wird ihn eine der Berliner Männer-Chöre später sogar nach Lettland mitnehmen - "RIGA SINGS" einem Chorwettbewerb vom internationalem Rang. Das heißt aber auch, dass Lieder alle auswendig gelernt werden müssen. Eine der Voraussetzungen, um mit dem Chor mitreisen zu dürfen, die er erfüllt.

 

Allmählich wird aber der Ruf Südafrikas immer lauter. Also beschließen seine Frau und er, zumal sie südafrikanisch assimiliert ist (sie beherrscht Deutsch, Englisch und Afrikaans fließend in Wort und Schrift und die südafrikanische Mentalität ist ihr zutiefst vertraut), es sich dort über den europäischen Winter gut gehen zu lassen. Sie sind beide Deutsch-Südafrikaner geworden oder schon immer gewesen oder einfach im Herzen geblieben. Wie auch immer. Das kleine Häuschen wird möbliert und ist fortan ihre halbjährliche Heimat.

 

Würde man meinen, dass Rainer hier zur sogenannten Ruhe kommt- weit gefehlt. Er bleibt seiner Leidenschaft des Schreibens, des Recherchierens treu und sucht sich immerwährend neue Aufgaben. 

Zum Beispiel gibt es ein winzig kleines Berlin in der Kapprovinz, das einst von Aussiedlern gegründet wurde. Rainer fährt dorthin und findet auf dem alten, völlig verwahrlosten Friedhof einen Grabstein mit der Inschrift "von Hake". Wohnte er in Berlin nicht unweit von der Hakeburg? Das ist seine Aufgabe. Er recherchiert, liest nach, ist sowohl in Kapstadt als auch in Berlin in den Bibliotheken unterwegs, bis er die Geschichte des kleinen Berlins in der Kapprovinz vollständig erfasst hat. Rainer schreibt diese Geschichte auf, wie viele, viele andere dieser Qualität auch, veröffentlicht sie und ist schon auf der Suche nach neuen Geschichten und Erlebnissen.

 


Annette Swart Photojournalist

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